Spielen ist Lernen

Stellen Sie sich eine Welt vor in der es kein Fernsehen gibt und niemand Bilder malt.  In dieser Welt gibt es keine Musik, keine Bücher, keine Regeln, kein Theater, keine Fotos, kein Parfüm, keine lustigen Getränke wie z. B. „Hugo“. Niemand tanzt, baut Häuser oder konstruiert Autos, erfindet Einwegwindeln, Rutschbahnen und Dosenöffner. Würden Sie gerne in dieser Welt leben?

Die Grundlage unserer individuellen, sozialen, kulturellen und technischen Entwicklungen und Errungenschaften ist - man glaubt es kaum - Spielen. Alles was wir sind und haben, verdanken wir unserer Entwicklung und die beste Entwicklungsförderung ist Spielen und zwar in allen Varianten. Im Tierversuch (es waren mal wieder Ratten) konnte sogar nachgewiesen werden, dass die Unterdrückung des Spielens zum Tod führt! (Für Interessierte: Man hat jede Menge Ratten eingeschüchtert und die Ratten, die nie spielen durften sind jämmerlich verhungert, weil sie sich nicht mehr aus ihrem Versteck  gewagt haben; während die Spielratten experimentierfreudiger waren und den Mut aufbrachten aus dem Versteck hinaus, hin zum Futter zu trippeln und zu fressen.)

Auch wenn es ein paar klitzekleine Unterschiede zwischen Ratten und Menschen gibt, kann man aus solchen Versuchen u. a. schlussfolgern, dass Spielen während der Kindheit durch nichts zu ersetzen und für die gesunde Entwicklung auch bei Menschenkindern extrem wichtig ist! Und genau da haben wir ein Problem, denn uns alle bedroht nicht nur der Klimawandel, sondern auch die Entspielung der Kindheit. Die Zeit der Kinder ist zunehmend verplant und durchorganisiert, es gibt immer weniger Kinder, die einfach nur so mit anderen Kindern spielen – ohne Erwachsene und ohne Förderhintergedanke!  

Gründe für diese Fehlentwicklung sind in meinen Augen: falsch verstandene Bildungspläne, zu wenig Wissen über Gehirnentwicklung und Bindungstheorie, Kinderarmut und nicht zuletzt die Angst vieler Eltern vor dem Bildungspanikdrachen. 

Besonders wenig Zeit für Freispiel wird Kindern in Krippen, Kitas und Grundschulen zugestanden, denn schon die Jüngsten werden „eingetaktet“ und das freie Spiel wird viel zu oft ersetzt durch angeleitete Bildungsangebote. Freies Spiel ist oft nur als kurzer Pausenfüller zu finden und auch da ist das Spiel nur selten wirklich frei! Meine Beobachtung ist, dass auch zuhause in den Kinderzimmern sogenannte „Lernspiele“ dominieren und das „einfach so Spielen“ keine Zeit bekommt – insgeheim glaube ich, das Lieblingsessen des Bildungspanikdrachens ist Freispielzeit. 

Wenn man aber weiß, dass freies Spiel zeitintensiv ist und vor allem unersetzlich, sollten wir uns mit dem Umdenken etwas beeilen, denn wir brauchen sowohl die Ozonschicht um zu überleben als auch Kinder, die frei spielen können und vor allem dürfen. 

Wie wichtig ist Spielen?

Vielleicht überrascht es Sie, aber Kinder spielen nicht um etwas zu lernen, sie spielen nicht um sich zu erholen, zu entspannen und sie spielen nicht einmal um etwas zu üben. Das Spiel, und da sind sich Psychologen, Pädagogen und Philosophen ziemlich einig, hat einen viel tieferen Sinn. Spiel hat die Aufgabe das Leben zu bewältigen und zwar in einer Zeit - der Kindheit - in der andere Möglichkeiten und Techniken noch nicht vorhanden bzw. ausgebildet sind. Was passiert, wenn Kinder nicht ausreichend spielen, können Sie sich jetzt sicher vorstellen.

Spielen ist für Kinder die wichtigste Tätigkeit überhaupt, sie ist das Lebenselixier der Kindheit, sie ist der Zaubertrank für gelingende seelische und körperliche Entwicklung.

Wenn Kinder sich frei entscheiden können mit was, mit wem, wo und wie lange sie spielen, dann erhöht das die vielgepriesene „Selbstwirksamkeit“ und diese wiederum ist die Voraussetzung für ein gelingendes Leben mit viel Wohlbefinden. Zudem haben Kinder, die viel und mit anderen Kindern spielen nachweislich bessere soziale Beziehungen, sie können sich besser regulieren und haben mehr Freunde (laut Glücksforschung das Wichtigste überhaupt!). Wer mehr Freunde hat fühlt sich sicherer,  und spielt deshalb freier, ist demnach klüger, kommt mit sich selbst besser klar, ist teamfähiger usw. Wer Freunde hat, hat Freude  und Freude ist gut für die Seele usw. Sie sehen – es ist ein Engelskreis und ich bin mir ganz sicher – mehr zweckfreie Spielzeit würde so manchem Kind weniger Therapiezeit bringen.

Stuart Brown, einer der wichtigsten Köpfe der internationalen Spielforschung ist der Ansicht, dass  nichts das Gehirn so sehr erhellt wie das Spielen. Wenn Kinder in ihrer Kindheit mehr und vor allem mehr frei spielen dürfen, werden sie zu aktiveren, erfolgreicheren und glücklicheren Erwachsenen, denn sie haben durch Spielen, Raufen, Schreien, Herumtoben etc. gelernt sich emotional zu regulieren, eigene Ideen zu verfolgen, mit anderen zurechtzukommen, Regeln einzuhalten und das ist der Garant für Konzentration, Selbststeuerung und gelingendes Lernen. Ich bin der Ansicht, man sollte das zweckfreie Spielen nicht dem Lernen und zielgerichtete Lernförderspiele nicht dem Spielen opfern!

Ich hoffe, es ist mir es mir gelungen die Bedeutung und die Wichtigkeit des freien Spiels darzustellen und dem adipösen Bildungspanikdrachen ein wenig das Futter zu reduzieren, denn das Spielen hat, so Stuart Brown, „seine eigene Rechtfertigung wie das Schlafen und das Träumen“. Spielen ist die Basis für alles und ungeheuer wichtig für die gesamte Entwicklung und das Lernen. Spielen erhält und macht Kinder gesund, weil Bewältigungserfahrungen nachweislich auch den Körper stärken. Durch wohltuende Ereignisse, wie sie sich Kinder im Spiel erschaffen, bauen sie Stärken auf und korrigieren gleichzeitig Defizite und all das können sie wunderbar auch dann brauchen, wenn die wenigen Jahre der Kindheit vorbei sind und die Spiele der Älteren beginnen.

Lernen ohne Spielen ist möglich – Spielen ohne Lernen garantiert nicht!

Die Umwelt der Kinder

Der Einfluss der Umwelt auf die Entwicklung von Kindergartenkindern

oder: Die Zusammenfassung der 300 Seiten meiner Doktorarbeit :-)

Kindergartenpädagogik lässt sich durch verschiedene Merkmale charakterisieren: Zunächst ist das Spiel von herausragender Bedeutung. Durch das Spielen gewinnen Kinder körperliche Geschicklichkeit, entwickeln ihre organischen Fähigkeiten, Fantasie und schöpferische Kräfte. Weitere Punkte betreffen die Wichtigkeit von Vorbildern und das Existieren eines geregelten Tagesablaufs. Bedeutend sind zudem Nachahmung und Wiederholung als elementare Formen des Lernens in der frühen Kindheit.

Eine besonders wichtige Aufgabe von Fachkräften ist es, Kinder nicht nur zu unterhalten und zu verwahren, sondern die versteckten Kräfte und Potentiale im Kind zu entdecken und ganzheitlich zu fördern. Um diesen Ansprüchen gerecht zu werden braucht die Kita Unterstützung durch Eltern, Träger und nicht zuletzt durch Kommunen, weil alle zusammen einen bedeutenden Teil zur Umwelt für Kinder beitragen. 

Die theoretischen Grundlagen der Arbeit

Schon Fröbel und Montessori stellen klar heraus, wie bedeutend eine ökologische Perspektive für den Erfolg in der Kindergartenpädagogik ist. Dabei stellt der Kindergarten selbst nur einen Teil der vielen Lebensumwelten des Kindes dar. Die einzelnen Bereiche – Kindergarten, Spielplätze, Familienleben, vorhandene Spielsachen etc. – stehen zueinander in Wechselwirkung und bilden ein komplexes Ganzes.

Zum Thema Einfluss der Umwelt existieren einige bedeutende entwicklungstheoretische Ansätze. So legte Piaget besonders viel Wert auf den Bereich der Kognition und prägte damit den sog. kognitivistischen Ansatz – aus dieser Perspektive ist das Kind Subjekt seiner Entwicklung in dem Sinne, dass es aktiv mit der Umwelt interagiert und so seine Entwicklung selbst vorantreibt – unabhängig von äußeren Belehrungen. 

Vertreter des konstruktivistischen Ansatzes stammen aus den Bereichen der Entwicklungspsychologie und der Didaktik. Konstruktivismus meint dabei, dass das Kind sich Wissen und seine eigene Wirklichkeit aktiv konstruiert, indem es sich mit seiner Umwelt auseinandersetzt. Lew Wygotski der bekannteste Verfechter einer konstruktivistischen Sichtweise, sieht das Kind in ständiger Interaktion mit seiner sozialen Umwelt, wobei er die Theorie der „Zone der nächsten Entwicklung“ aufstellt; eine Sichtweise, aus der das Kind durch Herausforderungen lernen kann, die ihm durch seine Umwelt – besonders durch die vorhandenen Bezugspersonen – gestellt werden können. Wygotski geht davon aus, dass die kognitiven Fähigkeiten eines Kindes durch soziale Phänomene entstehen, also durch das Zusammenspiel mit anderen bedeutungsvollen Individuen. Das bedeutet für die Praxis: Lernen sollte eigenständig, aktiv und handlungsorientiert erfolgen, denn Lernen erfolgt als Schaffung individueller Wirklichkeit in Auseinandersetzung mit der Umwelt – dafür ist z. B. Projektarbeit besonders förderlich.

Die genannten Betrachtungsweisen vollziehen eine Kehrtwende, weg von der früheren Individuumszentrierung, hin zu einer umweltbezogenen ökologischen Perspektive. Damit verbunden ist die Konsequenz, dass eine ernst gemeinte Kindergartenpädagogik mit dem Anspruch kindlicher Förderung sich dessen bewusst werden muss, dass sie nicht im luftleeren Raum agiert, sondern dem Wechselspiel der kindlichen Lebenswelten Rechnung zu tragen hat. Dazu müssen zwingend alle am Leben des Kindes beteiligten Erwachsenen mit einbezogen und von den Fachkräften berücksichtigt werden. Das einzelne Kind lernt und entwickelt Kompetenzen besonders in der Interaktion mit seiner (sozialen) Umwelt, ein Umstand, der Fachkräfte mehr und mehr zum Gestalter dieser Umwelten im Sinne des Kindes macht.

In der Neurobiologie geht man davon aus, dass das Gehirn durch gemachte Erfahrungen und äußere Einflüsse geprägt wird – diese Erfahrungen und Einflüsse prägen das neuronale Netzwerk des Menschen in jeweils individueller Art und Weise. Damit erkennt die Neurobiologie in der Umwelt einen wesentlichen Faktor für das Lernen und die Entwicklung an. Generell scheint es so zu sein, dass sich genetische Einflüsse und Umwelteinflüsse einander bedingen. d.h. das Kind wählt diejenigen Umweltangebote aus, die mit den eigenen Genen korrespondieren.

Hinsichtlich der Bedeutung spezieller Entwicklungsumwelten geht die Entwicklungspsychologie davon aus, dass unterschiedliche Umwelten auch entsprechend spezifische Einflüsse ausüben können, z. B. die Familie, die Peergruppe, Gegebenheiten des Wohnortes, der sozioökonomische Status des Elternhauses, der Kindergarten etc., wobei der Familie als erste und lange Zeit wichtigste Umwelt die höchste Aufmerksamkeit der Forschung zu Teil wird.

Ein recht junger Forschungsansatz ist der, der Soziotope – ein Ansatz, der zunächst im Bereich der Begabungsforschung angesiedelt war, die Bedeutung von Umweltbedingungen für die Entwicklung und das Lernen im Allgemeinen aber ebenfalls betont.  Es geht dabei um die Frage, wie soziale Ungleichheiten entstehen und durch welche unterschiedlichen Bedingungen diese manifestiert werden. Dabei unterscheidet man mehrere Kapitalarten, wie das ökonomische Kapital (materieller Besitz), das kulturelle Kapital (verinnerlichte Dispositionen, kulturelle Güter, Bildungsabschlüsse, etc.) und das soziales Kapital (Beziehungen, gesellschaftliche Verflechtungen, soziale Ressourcen). Besonders die verschiedenen Formen des Bildungskapitals, darunter wiederum ökonomisches, kulturelles, soziales, infrastrukturelles und didaktisches Bildungskapital, d.h. Know-how zur Optimierung von Lernprozessen ist im Lernsoziotop nach Ziegler von besonderer Bedeutung. Beispiel: Erbringt ein Kind hervorragende Leistungen, wird aber als Reaktion darauf von anderen Kindern und/oder Erwachsenen als „Streber“ betitelt kann dies negative Auswirkungen auf die Motivation und dadurch auf den Lernerfolg haben.

Die Untersuchung

In meiner Doktorarbeit habe ich den Einfluss unterschiedlicher Variablen des sozialen Umfeldes auf die allgemeine und kognitive Entwicklung von Kindern exemplarisch untersucht. Berücksichtigt wurden dabei der soziodemographische Hintergrund, der Kindergartenbesuch, die elterliche Zielorientierung und das vorhandene Spielzeug. Die allgemeine Entwicklung wurde anhand des BBK 3-6 (Beobachtungsbogen für 3- bis 6-jährige Kinder), die kognitive Entwicklung mittels des HAWIVA-III® (Hannover-Wechsler-Intelligenztest für das Vorschulalter-III) erfasst. Es wurden die Daten von insgesamt 203 Kindern erhoben, die Kinder der Stichprobe waren zur Zeit der Erhebung zwischen 3 und 6 Jahre alt. Bei der Studie handelt es sich um eine Kombination eines Querschnitts- und Längsschnittdesigns, das bedeutet, die relevanten Informationen wurden zu einem bzw. zu zwei Messzeitpunkten erhoben. Grundsätzlich zeigen die Ergebnisse der Untersuchung einen positiven Einfluss des Kindergartenbesuchs auf die allgemeine Entwicklung, ein vergleichbarer Effekt auf die kognitive Entwicklung konnte, wider aller Erwartungen, nicht nachgewiesen werden. Das pädagogische Konzept des Kindergartens spielt eine untergeordnete Rolle, was allerdings an der großen Unterschiedlichkeit der einzelnen Konzepte liegen könnte. Insgesamt können die Ergebnisse der Studie als Beleg gegen die These des Maternalismus angeführt werden, der davon ausgeht, dass ein Kind optimalerweise von der Mutter betreut werden sollte – dies gilt offensichtlich nicht für Kinder im Alter von 3-6 Jahren. 

In Schulleistungsstudien wie bspw. PISA hat sich gezeigt, dass der Schulerfolg oftmals stark vom soziodemographischen Hintergrund eines Kindes abhängig ist. So haben Kinder mit einem direkten oder indirekten Migrationshintergrund, von Elternteilen mit geringen Bildungsabschlüssen oder ungünstigen Berufssituationen deutlich schlechtere Chancen im Bildungssystem. 

Einige Ergebnisse

Im Rahmen der Studie hat sich gezeigt, dass soziodemographische Variablen die kognitive und allgemeine Entwicklung nur zum Teil beeinflussen. Die Zusammenhänge sind deutlich weniger ausgeprägt als angenommen: So zeigen bspw. der Berufsstand der Eltern, der Erziehungsstatus (alleinerziehend oder gemeinsam erziehend) und der Migrationshintergrund keinen Einfluss auf die kognitive Entwicklung und kaum Einfluss auf die allgemeine Entwicklung. Eine Ausnahme ist der Schulabschluss Mutter – er wirkt sich auf nahezu alle Bereiche extrem positiv aus, man kann sagen, je höher der Schulabschluss der Mutter ist, desto besser entwickeln sich Kinder, sowohl im kognitiven Bereich, als auch in der allgemeinen Entwicklung.

Diese Ergebnisse legen die Vermutung nahe, dass ungleiche Bildungschancen z. B. nicht auf Unterschiede in den kindlichen Fähigkeiten zurückzuführen sind, sondern es sich hierbei eher um Effekte der Bildungsinstitutionen und der anderer Umwelten handelt, die erst in der weiteren Bildungslaufbahn, also z. B. ab dem Eintritt in die Kita, zum Tragen kommen. Zudem sind anhand der Ergebnisse auch Effekte institutioneller Diskriminierung denkbar, die bei gleichen Fähigkeiten zu geringeren Bildungschancen führen.

In Hinblick auf die Skalen elterlicher Zielorientierung lässt sich feststellen, dass insbesondere die Skalen Lernzielorientierung (=> Eltern ist es wichtig, dass ihre Kinder etwas lernen) und Performanzorientierung (=> Eltern sind ehrgeizig in Bezug auf die Leistungen ihrer Kinder) für die kognitive Entwicklung von Kindern ausschlaggebend zu sein scheinen. Das bedeutet für die Praxis: Eltern die viel von ihren Kindern verlangen und ihnen auch viel zutrauen sind förderlich für Kinder, denn die Haltung des Vertrauens und des Zutrauens  wirkt sich förderlich auf die kindliche Entwicklung aus. Dementsprechend können Haushalte, in denen dies zutrifft, als „gute Lernsoziotope“ bezeichnet werden, im Rahmen derer die kindlichen Fähigkeiten optimal gefördert werden. 

In Bezug auf die allgemeine kindliche Entwicklung haben sich insbesondere die Spielorientierung (=> Kind soll nur spielen und nicht individuell gefördert werden) und die Skala Angst vor Überforderung (=> Eltern wollen nicht, dass ihr Kind gefordert wird) als einflussreich erwiesen. Es kann davon ausgegangen werden, dass sowohl eine ausschließliche Spielorientierung als auch die Angst vor Überforderung Umwelteinflüsse darstellen, die hinderlich für die kindliche Entwicklung sind. 

Fazit

In der Pädagogik wird der Einfluss von Umweltfaktoren auf die Entwicklung von Kindern diskutiert. Entwicklungsrelevant scheint zu sein, wie die Kombination verschiedener Einflüsse auf das Kind einwirken. Der Kindergarten ist als eine spielorientierte Bildungsinstitution relevant für die positive allgemeine Entwicklung von Kindern, allerdings nur dann, wenn Fachkräfte zusammen mit Eltern den Kindern positive Lernsoziotope bieten. 

 

Heute wieder nur gespielt?

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Ein Mensch, der unfähig ist zu spielen, dessen Seele hat bereits Schaden genommen.

unbekannt

 

Stellen Sie sich eine Welt vor in der keine Musik gespielt wird und niemand Bilder malt. In dieser Welt gibt es keinen Sport, keine Bücher, keine Regeln, kein Theater, keine Filme, keine Fotos, kein Parfüm, keine lustigen Getränke mit Männernamen wie z. B. „Hugo“. Niemand tanzt, baut Häuser oder konstruiert Autos, erfindet Einwegwindeln, Rutschbahnen und Dosenöffner. Würden Sie gerne in dieser Welt leben? 

Nun, es ist so: Die Grundlage unserer individuellen, sozialen, kulturellen und technischen Entwicklungen und Errungenschaften ist - man glaubt es kaum - das Spielen. Das ist kein Scherz! Alles was wir sind und haben, verdanken wir unserer Entwicklung und die beste Entwicklungsförderung ist Spielen und das in allen Varianten. Im Tierversuch (es waren mal wieder Ratten) konnte sogar nachgewiesen werden, dass die Unterdrückung des Spielens zum Tod führt! Dazu hat man jede Menge Ratten eingeschüchtert und die Ratten, die vorher nie spielen durften sind jämmerlich verhungert, weil sie sich nicht mehr aus ihrem Versteck gewagt haben; während die Spielratten experimentierfreudiger waren und den Mut aufbrachten, aus dem Versteck hinaus, hin zum Futter zu trippeln und zu fressen.

Auch wenn es ein paar winzige Unterschiede zwischen Ratten und Menschen gibt, kann man aus solchen Versuchen u. a. schlussfolgern, dass Spielen während der Kindheit durch nichts zu ersetzen und für die gesunde Entwicklung auch bei Menschenkindern extrem wichtig ist! Und genau da haben wir ein Problem, denn uns alle bedroht nicht nur der Klimawandel und der IS sondern auch die Entspielung der Kindheit. Die Zeit der Kinder ist zunehmend verplant und durchorganisiert. Man findet immer weniger Kinder, die einfach nur so mit anderen Kindern spielen – ohne Erwachsene – ohne Förderhintergrund – mit gutem Spielzeug!

Gründe für diese Fehlentwicklung sind in meinen Augen falsch verstandene Bildungspläne, zu wenig Wissen über Gehirnentwicklung und Bindungstheorien und nicht zuletzt die Angst (vieler Eltern) vor dem Bildungspanikdrachen. 

Viel zu wenig Zeit für Freispiel wird Kindern in Krippen, Kitas und Grundschulen zugestanden, denn schon die Jüngsten werden „eingetaktet“ und das freie Spiel wird zu oft ersetzt durch angeleitete Bildungsangeboteund Förderprogramme. Freies Spiel ist oft nur als Pausenfüller zu finden und auch da ist das Spiel nur selten wirklich frei! Meine Beobachtung ist, dass „Lernspiele“ dominieren und insgeheim glaube ich, das Lieblingsfutter des Bildungspanikdrachens ist Freispielzeit. 

Vielleicht überrascht es Sie, aber Kinder spielen nicht um etwas zu lernen, sie spielen nicht um sich zu erholen, zu entspannen und sie spielen nicht einmal um etwas zu üben. Das Spiel, und da sind sich Psychologen, Pädagogen und Philosophen ziemlich einig, hat einen viel tieferen Sinn. Spiel hat die Aufgabe das Leben zu bewältigen und zwar in einer Zeit - der Kindheit - in der andere Möglichkeiten und Techniken noch nicht vorhanden bzw. ausgebildet sind. Was passiert, wenn Kinder nicht ausreichend spielen, können Sie sich jetzt sicher vorstellen.

Im Gespräch mit Eltern höre ich oft: „Mein Kind spielt nur – wie kann ich es fördern? Im Kindergarten spielen sie auch nur (das glaube ich übrigens nie!) und deshalb müssen wir unbedingt was unternehmen und Chantalle auf später vorbereiten.“ 

Das freie Spielen ist für Kinder die wichtigste Tätigkeit überhaupt, es ist das Lebenselixier der Kindheit, es ist der Zaubertrank für gelingende seelische und körperliche Entwicklung.

Wenn Kinder sich frei entscheiden können mit was, mit wem, wo und wie lange sie spielen, dann erhöht das die vielgepriesene „Selbstwirksamkeit“ und diese wiederum ist die Voraussetzung für ein gelingendes Leben mit viel Wohlbefinden. Zudem haben Kinder, die viel und mit anderen Kindern spielen nachweislich bessere soziale Beziehungen, sie können sich besser regulieren und haben mehr Freunde (laut Glücksforschung das Wichtigste überhaupt!). Wer mehr Freunde hat fühlt sich sicherer,und spielt deshalb freier, ist demnach klüger, kommt mit sich selbst besser klar, ist teamfähiger usw. Wer Freunde hat, hat Freude und Freude ist gut für die Seele usw. Sie sehen – es ist ein Engelskreis und ich bin mir ganz sicher – mehr zweckfreie Spielzeit würde so manchem Kind weniger Therapiezeit bringen. Es gibt momentan zu viele Kinder die „nicht mitspielen dürfen“, sei es, weil die Eltern nur das Lernen fördern, die Verantwortlichen in den Bildungseinrichtungen zu wenig Spielen zulassen oder die Kinder nie gelernt haben, wie man (mit anderen) spielt – ja, das gibt es tatsächlich!

Stuart Brown, einer der wichtigsten Köpfe der internationalen Spielforschung ist der Ansicht, dass nichts das Gehirn so sehr erhellt wie das Spielen. Wenn Kinder in ihrer Kindheit mehr und vor allem mehr frei spielen dürfen, werden sie zu aktiveren, erfolgreicheren und glücklicheren Erwachsenen, denn sie haben durch Spielen, Raufen, Schreien, Herumtoben etc. gelernt sich emotional zu regulieren, eigene Ideen zu verfolgen, mit anderen zurechtzukommen, Regeln einzuhalten und das ist der Garant für Konzentration, Selbststeuerung und gelingendes Lernen. Ich bin der Ansicht, man sollte das zweckfreie Spielen nicht dem Lernen und zielgerichtete Lernförderspiele nicht dem Spielen opfern!

Spielen hat seine eigene Rechtfertigung wie Schlafen und Träumen. Spielen ist die Basis für die gesamte Entwicklung, die Gehirnausbildung und nicht zuletzt für das ebenfalls enorm wichtige Lernen. Spielen erhält und macht Kinder gesund, weil Bewältigungserfahrungen nachweislich auch den Körper stärken. 

Wenn Sie also Kinder entwicklungsangemessen fördern möchten, dann lassen Sie sie nicht nur so zwischendurch mal spielen, sondern lassen Sie sie alles andere so zwischendurch tun, denn Lernen ohne Spielen ist zwar möglich – Spielen ohne Lernen garantiert nicht.

Kinder lieben Lernen

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"Es gibt mehr Leute, die kapitulieren, als solche, die scheitern"

– Henry Ford

 

Bildung ist heute mehr denn je der Schlüssel zum Erfolg. Aber was sind eigentlich gebildete Kinder? Wunderkinder mit Einser-Schnitt? Und wie wird ein Kind gebildet? Durch fleißiges Lernen? 

Heerscharen von Pädagogen erforschen, was erfolgreiche Menschen anders machen als weniger erfolgreiche. Ein Ergebnis: Reines Pauken ist es schon mal nicht, das haben Wissenschaftler der Universität Pennsylvania herausgefunden. In einem Langzeitprojekt hat das Forscherteam um den Psychologen Martin Seligmann eine Reihe von Studien zum Erfolg von Lernprogrammen aus den vergangenen 20 Jahren mit Daten von mehr als 2000 Kindern ausgewertet. Ihre Erkenntnis: Wichtiger als das Einpauken des Lernstoffs, ist die innere Haltung. Kinder, die positiv denken und selbstsicher an neue Aufgaben herangehen, lernen besser als andere. Denn sie können ihre Stärken und Fähigkeiten besser einschätzen. Das hilft ihnen, flexibel auf neue Herausforderungen zu reagieren, Probleme realistisch zu sehen und gelassener mit Stress umzugehen.

Doch nicht nur die innere Einstellung, auch die Fähigkeit sich zu konzentrieren ist ein wichtiger Faktor für erfolgreiches Lernen. Aufmerksamkeit und Konzentration stellen entscheidendes Kapital für das Gelingen dar und werden im Verlaufe der normalen Entwicklung eines Kindes, wenn es in Ruhe spielen darf und keiner übermäßigen Reizüberflutung ausgesetzt ist, ganz von selbst trainiert. Diese Erkenntnis bestätigt der Mediziner Joshua Breslau von der Universität Kalifornien. Er und sein Team haben in einer Langzeitstudie Daten aus Beobachtungen von Erziehungsstilen und Lernstandserhebungen von über 700 Kindern von der Kindergartenzeit bis zum 17. Lebensjahr ausgewertet. Das Ergebnis: Kinder, die bereits in frühem Alter Aufmerksamkeitsschwächen zeigten, wurden diese während ihrer gesamten Schullaufbahn nicht mehr los – entsprechend schlecht fielen ihre schulischen Leistungen aus. Guten Schülern dagegen fiel es leicht, sich zu fokussieren und ihre Gedanken zu ordnen. PädagogInnen, so die US-Forscher, sollten daher frühe Anzeichen für Aufmerksamkeits- und Konzentrationsschwächen unbedingt ernst nehmen und der Ursache auf den Grund gehen: 

  • Langweilt sich das Kind in der Kita? 
  • Wie ist die Situation zu Hause, gibt es genügend Freiräume, um sich in Ruhe mit einer Sache zu beschäftigen? 
  • Wird gelesen und genug gespielt? Oder stehen Computer- und TV-Konsum im Vordergrund? 

Das Wichtigste für „erfolgreiche Kinder“ ist: Sie sind neugierig und haben Freude am Ausprobieren, Erforschen und damit am Lernen. Sie lernen nicht, weil sie müssen, sondern, weil sie wollen. Sie schöpfen ihre Potenziale aus und bringen sie zur Entfaltung und wenn sie auf ihren Interessensgebieten begeistert lernen, strahlt das auch auf Bereiche aus, die sie weniger mögen. 

Mit Intelligenz, Begabung und Bulimielernen allein ist es also nicht getan, denn Motivation und Einstellungen spielen eine äußerst wichtigere Rolle. Versagensangst und Desinteresse etwa können das Lernen behindern, während Zähigkeit, Leidenschaft und eine positive Haltung zu den eigenen Fähigkeiten extrem lernförderlich sind. 

So vermitteln gute PädagogInnen Kindern Selbstbewusstsein und eine positive Lebenseinstellung: 

  • Nehmen Sie Kinder ernst 
  • Interessieren Sie sich für ihre Wünsche, Träume und Sorgen 
  • Zeigen Sie ihnen, dass Sie an sie glauben und dass sie wertvolle Menschen sind, unabhängig von jeglicher Leistung 
  • Unterstützen Sie die Interessen der Kinder 
  • Fördern Sie selbstentdeckendes Lernen und ermutigen Sie Kinder, Neues auszuprobieren

Kinder brauchen viele Freiräume, um sich selbst auszuprobieren. Deshalb ist es wichtig, dass sie lernen, eigenständig zu arbeiten. Es genügt, wenn Sie Unterstützung anbieten – aufdrängen müssen Sie sie nicht. Eingreifen ist nur dann nötig, wenn Konzentrationsstörungen oder andere Probleme auftreten.