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Seelenprügel und ihre Folgen


Es gibt gute Nachrichten: Die Akzeptanz gewaltvoller Erziehung, sowohl körperlicher als auch emotionaler hat in den vergangenen 25 Jahren stark abgenommen. So erklärten 2005 bei einer Erhebung noch rund 65,1 Prozent der Befragten, dass „Niederbrüllen“ eine angemessene Bestrafung für ein Kind sei, 2016 waren davon nur noch 13,5 Prozent überzeugt. Ich finde, das ist eine höchst erfreuliche und längst überfällige Entwicklung, zeigt sie doch, dass in den Köpfen vieler Menschen ein Umdenken stattfindet.


Die langen Schatten psychischer Gewalt

Im Jahr 1998 führte die amerikanische Gesundheitsbehörde erstmals eine der bisher größten Gesundheitsstudien mit über 17.000 Teilnehmern durch. Vielleicht haben Sie bereits davon gehört, es handelt sich um die „Adverse Childhood Experiences Study“, kurz ACE-Studie genannt. Wissenschaftler untersuchten den Zusammenhang zwischen belastenden Kindheitserfahrungen und späteren Gesundheitsproblemen und fanden erschreckend deutliche Zusammenhänge. Andreas Witt mit seinem Team von der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie/-Psychotherapie am Universitätsklinikum Ulm konnte 2019, rund 20 Jahre später, durch die Ergebnisse mit einer kleineren, aber ähnlich aufgebauten Studie diese Ergebnisse bestätigen. Als Erziehungswissenschaftlerin finde ich Analysen, die mehrere Studien zusammenfassen besonders spannend, denn die Vorteile sogenannter Metaanalysen liegen in der erhöhten Präzision, Reliabilität, Validität wie auch der Teststärke, dadurch können Stichprobenfehler und Methodenartefakte statistisch ausgeglichen werden. So zeigte eine Metaanalyse aus 37 verschiedenen Studien, dass emotionale Gewalt sehr weit verbreitet ist, denn rund 57 Prozent der Probanden erklärten, mindestens ein emotional belastenden Kindheitserlebnis erlebt zu haben, das nicht folgenlos blieb.


Die US-amerikanische Entwicklungspsychologin Emmy Werner konnte schon in den 50er Jahren durch die renommierte Kauai-Studie eindeutig belegen, je mehr belastende Kindheitserlebnisse zusammenkommen, desto gravierender und zerstörender sind die Folgen. Deutlich belegt sind Folgen wie mangelhaftes Gesundheitsverhalten, hohe körperliche und psychische Morbidität, Hospitalisierungen, Übergewicht, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Lungenkrankheiten, Alkoholismus, Depressivität, Suizidalität bis hin zu einer höheren Sterblichkeit. Alle diese möglichen Auswirkungen ergeben sich auch aus den nach ACE-Kriterien definierten Kindheitstraumata.


Der Grund ist die hohe Sensitivierung der hormonellen und neuronalen Stressreaktionen, durch die ein Kind, das psychische Gewalt erfährt, immer empfindlicher wird, schon kleine Reize können dann maximale Reaktionen auslösen. Emotional verletzte Kinder leiden, und dieses Leid setzt sich bis ins hohe Erwachsenenalter fort, deshalb benötigen rund zwei Drittel der Menschen, die Entwicklungstraumata erlebt haben, im Laufe ihres Lebens psychotherapeutische Hilfe. Das bedeutet im Umkehrschluss auch, dass nur rund ein Drittel resilient ist, also über seelische Widerstandskräfte verfügt, um traumatische Erlebnisse in der Kindheit ohne Hilfe zu verarbeiten und trotzdem zu einem zufriedenen Leben zu finden.


Unsichtbares Seelenleid

Physische und sexuelle Gewalt wird zwar sehr viel häufiger thematisiert und auch erforscht, emotionale Gewalt ist weltweit jedoch sehr viel verbreiteter, in Europa erlebt etwa ein Drittel aller Menschen seelische Gewalt in der Kindheit, in Afrika und in Asien fast jeder Zweite.


Zu den häufigsten Folgen gehört, dass die Betroffenen später Schwierigkeiten haben, intakte Bindungen zu anderen aufzunehmen und in ihrem Selbstbild gestört sind. Auch wird bei ihnen häufiger ADHS diagnostiziert, sie leiden öfter unter Depressionen und Suizidalität oder zeigen selbstverletzendes Verhalten. Kinder und Jugendliche liegen außerdem oft bei ihren schulischen Leistungen zurück. Bei Erwachsenen, deren Bedürfnisse in der Kindheit nicht oder nur unzureichend befriedigt wurden, sind Angst und Hoffnungslosigkeit wesentlich verbreiteter als unter jenen, denen dies in ihrer Kindheit erspart blieb. Menschen, deren Seelen Gewalt erfahren haben, haben also grundsätzlich größere Schwierigkeiten, die Herausforderungen des Alltags zu bewältigen. Hinzu kommt, dass seelische Gewalt in einigen Fällen in Begleitung von körperlicher und sexualisierter Gewalt auftritt, die Betroffenen also auf vielfältige Weise traumatisiert werden. Und eines ist klar, je mehr Verletzungen sich akkumulieren, desto gravierender sind deren Auswirkungen. Kurz-, mittel- und langfristige Folgen können Schlafstörungen, Essstörungen und Substanzmissbrauch von Drogen, Alkohol und Medikamenten sein. Zu den am weitesten verbreiteten Folgen emotionaler Gewalt gehören starke Selbstzweifel, mangelndes Selbstwertgefühl, eine depressive Grundhaltung und immer wieder das Auftreten von Ängsten.


Es fehlt das grundsätzliche Vertrauen in die Welt, in andere Menschen und vor allem in sich selbst. Wer in den ersten Monaten und Jahren seines Lebens nicht lernen durfte, dass die Welt ein sicherer Ort ist, indem es mindestens eine Person gibt, die zuverlässig, feinfühlig und liebevoll die kindlichen Bedürfnisse befriedigt und dadurch eine sichere Bindung gewährleistet, der wird Ängste und Zweifel oft ein Leben lang nicht mehr los!


Seelenprügel beeinträchtigen ein Leben lang

Blaue Flecken durch physische Verletzungen werden eines Tages verheilen, doch die Worte, Gesten und Handlungen, die Seelen treffen, beeinträchtigen ein Leben lang und wirken auch noch auf die folgenden Generationen nach. Wissenschaftler konnten nachweisen, dass Menschen, die von emotionaler Gewalt in der Kindheit betroffen sind, häufiger Schwierigkeiten mit eigenen Beziehungen zu Kindern haben. Sie sind öfter emotional distanziert oder kalt und können nicht adäquat auf die Bedürfnisse von Kindern reagieren oder erleben diese als unangemessen anstrengend oder fordernd, was das Risiko für weiteren emotionalen Missbrauch in der Folgegeneration erhöht. Emotionale Gewalt ist ein Teufelskreis, der von einer Generation an die nächste weitergegeben wird, aber nur so lange, bis ein Mensch es schafft, sich anders zu verhalten – schon ist der Teufelskreis durchbrochen.


Erwachsene, die als Kinder seelische Gewalt erfuhren, haben oft Schwierigkeiten, stabile und verlässliche Bindungen zu anderen einzugehen, ob zu Partnern, Freunden oder zu Therapeuten und Ärzten. Es ist, als trügen sie eine Negativ-Brille, die sie die Menschen in ihrem Umfeld und ihr Verhalten sehr viel negativer bewerten lässt, als diese in Wirklichkeit sind. Das wirkt sich auf ihr Selbstbild und auf ihre Lebensentscheidungen aus, sie sehen an sich, an anderen und an der Welt erst einmal das, was ihnen nicht gefällt. Es ist der Blick durch die schwarze Brille der Unsicherheiten und Ängste, der emotional verletzte Menschen oft ein Leben lang begleitet.

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