Schule braucht Verantwortung

von | 4. Juni 2019

Paul besucht seit drei Tagen die erste Klasse. Beim Abendessen erklärt er seinen Eltern, dass er entschieden hat, ab sofort nicht mehr hinzugehen. Er sagt, jeder habe ihm vor seinem Schuleintritt versprochen, es sei dort sehr aufregend und er würde so viel lernen und bald lesen, schreiben und rechnen können. Nun hat er sich das angeschaut – und es gefällt ihm nicht. „Ich muss den ganzen Tag Buchstaben ausmalen und Dreiecke ausschneiden, da lerne ich doch nichts.“, entrüstet sich Paul. „Und die ganze Zeit soll ich ruhig sein und darf nichts erzählen, sonst schimpft die Lehrerin. Mir ist voll langweilig, ich gehe da morgen nicht mehr hin.“, schließt er trotzig und legt lautstark seine Gabel ab. Seine Eltern starren ihn bestürzt an. Was ist aus ihrem noch vor einigen Tagen so hoch motivierten Sohn geworden? Diesen Eltern schwant in diesem Moment, dass die nächsten Jahre für sie alle nicht einfach werden könnten. Denn falls Paul sich entschließt, Abitur zu machen, wird er noch lange 100.000 Stunden die Schulbank drücken. Mit hoffentlich mehr Elan und Enthusiasmus, aber das wird nicht nur von ihm abhängen.

Unser Schulsystem ist nicht zeitgemäss

Dieses Szenario kommt der Realität sehr nahe. Werden Kinder gefragt, warum sie in die Schule gehen, lautet die erschütternde Antwort oft: „Weil ich muss.“ Viel zu viele Kinder gehen nicht gerne zur Schule, einige langweilen sich wegen Unterforderung, andere haben Angst, nicht zu genügen. Kurz, den meisten Kindern ist die Freude am Lernen schon in der ersten Klasse vergangen. Warum ist das so? Ein Hauptgrund ist sicher die Tatsache, dass viele Lehrer den Kindern weder richtig zuhören, noch die Interessen und Fähigkeiten des einzelnen Kindes erkennen oder im Unterricht berücksichtigen. Das ist im Schulsystem, so, wie es heute ausgerichtet ist, nicht vorgesehen.

Das ist fatal, denn wenn in Kindern die angeborene Lust und Freude am Lernen nicht begrüßt, sondern bereits in diesem frühen Stadium ihres schulischen Weges verdorben wird, werden sie später kaum freiwillig weiterlernen und daraus resultierend keinen oder wenig Erfolg im Beruf haben. Sicher wird das Gros der Kinder die Schule mit einer abgeschlossenen Ausbildung verlassen. Aber, sind diese zukünftigen Schulabänger aus jenem Holz geschnitzt, das inspirierende Leader hervorbringt, sei es nun in im Business oder in der Poliktik? Mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht. Unser Schulsystem ist einfach nicht mehr zeitgemäss für die Herausforderungen der Zukunft!

Das Schulsystem in seinen derzeitgen Strukturen ist Ende des 19. Jahrhunderts entstanden. Damals waren Schulen militärisch organisiert und wurden ähnlich gebaut wie Kasernen. Das Ziel der schulischen Bildung war die Produktion von braven Staatsbürgern, die fachlich so ausgebildet sind, dass sie ihre Aufgaben erledigen können. Es war nicht erwünscht, dass junge Menschen in der Schule dazu angestiftet wurden, kritische Fragen zu stellen oder gar kreativ und innovativ zu denken – sie sollten funktionieren. Und auf genau diesem System basiert die Mehrzahl unsere heutigen Regelschulen noch immer.

In den 60er Jahren wurden im schulichen Bereich zwar einige Relikte aus dem Preußentum über Bord geworfen. Lehrer dürfen seit damals keine Schüler mehr schlagen, doch die starren Grundstrukturen, die darauf beruhen, dass Kinder gehorchen, bestimmte Aufgaben erfüllen und nur dahingehend dann auch bewertet und verglichen werden, sind bis heute erhalten.

Das Leben besteht nicht aus Fächern

Spannend ist, dass zur gleichen Zeit auch die Reformpädagogik entstand, deren Vertreter, z.B. Maria Montessori, schon damals klar sagten, dass das aktuelle Schulsystem nicht kindgerecht sei. Diese reformierte Pädagogik, die für Kinder gedacht war und sich an den kindlichen Bedürfnissen orientiert, konnte und kann sich bis heute leider nicht flächendeckend durchsetzen. So bewegen wir uns immer noch in unserem derzeitigen Schulsystem, das Lernen verhindert, anstatt es zu fördern. Es macht aus von Natur aus hochsozialen, wissbegierigen Individuen angepasste Mitläufer, deren Gehirne mit nutzlosen Fakten gefüllt werden, die mit dem echten Leben sehr wenig zu tun haben.

So wissen laut Richard David Precht 87% aller Germanistikstudenten nicht, zu welcher Wortgruppe das Wort „manche“ (es ist ein Pronomen) gehört. Aber Kinder in der fünften Klasse werden damit traktiert. Das macht wenig Sinn. Ebenso sinnentleert ist, dass Kinder in Regelschulen verbissen auf den Tag des nächsten Tests hinlernen. Nachdem das Wissen abgefragt wurde, verabschiedet sich dieser Stoff sofort aus den Köpfen, denn es hat kein verankertes Lernen stattgefunden. Das kurzfristig Gelernte ist ohne Bedeutung für die meisten Schüler, denn dieses Wissen ist mit anderen Informationsebenen nicht vernetzt und deshalb sofort wieder vergessen. Das traurige Fazit: In unseren Schulen werden Kinder nach wie vor in Fächern unterrichtet, doch das Leben besteht nicht aus Fächern.

Die Zeiten rufen nach Aufbruch und Veränderung

Wir befinden uns heute an einem Punkt, an dem wir uns überlegen müssen, ob wir den momentanen Stand der Wissensvermittlung beibehalten wollen. Der Moment für einen schulischen Zeitenwandel scheint unwiderruflich gekommen zu sein. Wir können es jetzt ändern. Wir können die Verantwortung übernehmen – das Knowhow ist da, das Geld ist da und Kinder sind da! Was, außer Bequemlichkeit und vielleicht Feigheit hält uns auf?

Es geht nun sehr dringlich um unsere Zukunft und die Zukunft unserer Kinder. Denn Bildung ist der machtvolle Schlüssel zu einer friedlichen Welt, zu Fortschritt und zu Wohlstand. Wir brauchen gebildete Menschen! Zahlreiche herausfordernde Aufgaben von morgen warten auf die Kinder von heute. Und wir lassen sie in unseren veralteten Bildungseinrichtungen „verkommen“. Vergessen wir niemals: Die Kinder, die jetzt geboren werden regieren, operieren und pflegen uns in spätestens 30 Jahren. Precht behauptet, dass 60 % aller Berufe, die es in 20 – 30 Jahren geben wird, heute noch nicht einmal erfunden sind und dass es immer mehr hoch anspruchvolle Dienstleistungen geben wird. Kinder werden in unseren Schulen nicht auf diese für sie ungewisse Zukunft vorbereitet, sie lernen nicht, wie man kreativ Probleme löst, wie man im Team arbeitet, wie man mit Konflikten umgeht, wie man wirksam kommuniziert, wie man erfolgreich sich selbst und andere führt und sich engagiert. Was Kinder massenhaft lernen ist, wie man es schafft, sich von Ferien zu Ferien durchzuhangeln.

Ganzheitliche Bildung mit vielen verschiedenen Facetten wird auf der Grundlage des aktuellen Bildungssystems nicht gefördert, sie wird unterdrückt. Kinder werden noch immer wie Objekte behandelt, die eine ganz bestimmte Form annehmen sollen, doch wer wird in Zukunft ausgebildeten Einheitsbrei brauchen? (…)

Den ganzen Artikel können sie lesen im Sammelband “Verantwortung tragen – Impulse für Führungs- und Zukunftsbewusstsein.” Herausgegeben von Stéphane Etrillard

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